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Veronika Fan

Lehrerin an der Samstagsschule und dem Lyzeum

Vielleicht bin ich ein glücklicher Mensch

Vielleicht bin ich ein glücklicher Mensch. Ich führe ein erfülltes und außergewöhnlich interessantes Leben. Heute, da ein guter Teil meines Lebens bereits hinter mir liegt, kann ich das mit Überzeugung sagen.

Vieles davon verdanke ich dem fruchtbaren Boden, in den meine Eltern einst den Samen legen – mich. Diese Böden waren die weiten Steppen meiner kasachischen Heimat, die endlosen Horizonte und der freie Wind Kasachstans. Es war eine glückliche Kindheit in der Sowjetzeit. Es waren meine Eltern – aufrichtig bis in die Reinheit ihrer Gedanken, verantwortungsbewusst ohne jeden Vorbehalt. Es waren die liebenden und behütenden Großenltern, die wenigen, aber seelenverwandten Verwandten, die treuen Freunde, Weggefährten, die von der Zeit und von schweren Zeiten geprüft wurden. Es war mein geliebter Lehrerberuf. Und schließlich die Gabe – manchmal eine recht eigensinnige –, Worte zu Sätzen zu fügen, Gedanken in Sprache zu verwandeln und ihnen bisweilen sogar einen Reim zu schenken.

Und gerade deshalb begegneten mir bis heute außergewöhnliche Menschen: meine Lehrer, die schulischen wie die geistigen, und später natürlich meine Schülerinnen und Schüler. Es gibt jene seltenen Momente im Leben, in denen alles zusammenpasst. Ich hatte das große Glück, immer wieder guten Menschen zu begegnen.

Schon als Kind war ich von Lehrerinnen und Lehrern umgeben, die ihren Beruf liebten, die ihr Fach beherrschten und mit ganzer Hingabe lebten, was sie vermittelten. Das hat Spuren hinterlassen. In Astana schloss ich das Philologiestudium am Pädagogischen Institut mit Auszeichnung ab. Seitdem widme ich den größten Teil meines Lebens meiner Berufung.

Als ich mich vor vielen Jahren in diesen wunderbaren Beruf verliebte, fasste ich den Entschluss, meinen Idealen treu zu bleiben – mein Beruf, meinen Lehrern, mir selbst und jenen, die meinen Weg weitergehen: meinen Schülerinnen und Schülern.

Vor dreißig Jahren kam ich mit meiner Familie nach Deutschland. Ich musste noch einmal lernen, um Russisch als Fremdsprache unterrichten zu können. Das ist eine völlig andere Welt des Lehrens.

Warum ausgerechnet ich den Weg des Unterrichtens, des Verstehens und Erforschens menschlicher Seelen und Lebensgeschichten einschlagen konnte, weiß ich bis heute nicht. Und noch weniger weiß ich, wie es mir gelingt, diesen Weg zu gehen. Natürlich freue ich mich über die Erfolge meiner Schülerinnen und Schüler. Doch ist ihr Erfolg wirklich allein mein Verdienst?

Besonders deutlich wurde mir das hier, fern der Heimat. Ich konnte Menschen aus verschiedenen Ländern unsere große russische Sprache lehren. Sie beginnen ihre Reise in dieser anspruchsvollen und gleichzeitig so wunderschönen Sprache in ganz unterschiedlichem Alter. Und einige Jahre später beherrschen sie sie so gut, dass sie beginnen, meine Erzählungen in ihrer eigenen Muttersprache zu übersetzen.

Das größte Geschenk aber ist nicht ihr Erfolg, sondern meine eigene Bereicherung. Jeder einzelne Mensch, dem ich begegne, schenkt mir die Möglichkeit, ein kleines Stück seines Lebensweges mitzugehen und das Schicksal eines weiteren interessanten Menschen zu berühren.

Ich bin ein glücklicher Mensch.

Das Schicksal führte mich ins Russisch-Deutsche Kulturzentrum, in das Lyzeum der russischen Sprache. Und plötzlich tauchte ich wieder in die Welt der Kindheit ein.

Was für wunderbare Kinder hierherkommen! Es ist zugleich ein Geschenk und eine große Verantwortung, sie in die Welt der russischen Sprache und Literatur zu begleiten.

Ein Lehrer ist ein Künstler. Ein Lehrer ist ein Schöpfer.

Und wenn sich die unerschöpfliche Fantasie, die Lebendigkeit und das Talent der Kindheit mit der schöpferischen Kraft des Lehrers verbinden, lässt das Ergebnis nicht lange auf sich warten. Lehrer, Eltern und die Kinder selbst erleben, wie Persönlichkeit wächst, Sprache reicher wird, der Wortschatz sich erweitert, Wissen entsteht und vor allem eines erwacht: echtes Interesse.

Wenn man in die leuchtenden Augen seiner Schülerinnen und Schüler blickt, kennt Kreativität keine Grenzen. Dann gibt man alles – und genau von dieser Hingabe lebt unser Beruf, der für mich der schönste Beruf der Welt ist.

Das Wichtigste ist, den Kindern zu vertrauen: ihnen zutrauen, zu gestalten, zu arbeiten, zu denken, zu suchen und ihren eigenen Weg zu finden. Ihre Möglichkeiten sind unerschöpflich, ihre Fantasie kennt keine Grenzen, und ihre Fähigkeit, sich für etwas zu begeistern und andere mitzureißen, erfüllt mich immer wieder mit Staunen.

Mann muss an sie glauben. Ihnen die Verantwortung überlassen. Vertrauen Sie Ihnen und sich selbst auf sie einlassen. An ihr Potenzial, ihr Talent und ihre Möglichkeiten glauben.

Und sie antwortete. Immer. Sie wachsen über sich hinaus und übertreffen oft sogar meine kühnsten Erwartungen.

Nach dem Unterricht gehen sie nach Hause, in die Ferien, später vielleicht in alle Welt. Doch in ihren Herzen bleibt etwas zurück: ihre Aufrichtigkeit und ihre Bereitschaft, jedes Wort ihres Lehrers zu lauschen – ein Wort, das sorgfältig ausgewählt, bedacht und zum richtigen Zeitpunkt gesprochen wurde, auf jeder Etappe des Weges durch unsere reiche und große russische Sprache.

Das Wort ist nicht bloß ihre kleinste Einheit. Jedes Wort ist eine Stufe auf dem Weg zur Meisterschaft der Sprache.

Und ist das nicht Glück?

Zum Glück führt bekanntlich kein Aufzug.

Eine Stufe nach den anderen. Nur so.

Und ich wünsche mir von Herzen, dass jedes dieser Wörter, jede Stufe, für meine Schülerinnen und Schüler zu einem geliebten russischen Wort wird.

„Welches ist dein Lieblingswort auf Russisch?“

Diese Frage stelle ich meinen Schülerinnen und Schülern in jeder meiner Unterrichtsgruppen.